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Geschichte erleben – Gesellschaftslehre- und Geschichtsunterricht an der IGS Peine

Geschichte ist langweilig? Es werden nur seitenlange Texte gelesen? Und Quellen machen den Schüler*innen das Leben schwer? Den Gesellschaftslehre- und Geschichtslehrkräften der IGS Peine ist es besonders wichtig, Geschichte erlebbarer zu machen. So sorgen unter anderem das Steinzeitprojekt in Jahrgang 5 oder das Mittelalterprojekt der Siebtklässler*inne für praktische Erfahrungen. Und auch in der Oberstufe profitieren die Schüler*innen vom besonderen Einsatz ihrer Lehrkräfte. Den Unterricht ergänzen beispielsweise Exkursionen ins Peiner Kreismuseum oder zur KZ-Gedenkstätte in der Schillstraße in Braunschweig. Zudem bietet die IGS Peine das Seminarfach „Erinnerungskultur“ unter der engagierten Leitung von Geschichtslehrerin Andrea Hartmann an und ermöglicht den Schüler*innen so eine noch tiefere Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. An der Exkursion zum ehemaligen Grenzübergang Marienborn nahmen die angehenden Abiturient*innen des Seminarfachs sowie der beiden Geschichtsleistungskurse aus Jg. 12 teil.


Schülerin Katharina S. Nottbohm berichtet:


Am Freitagmorgen, den 8. Mai 2019 erreichte unser Seminarfach Erinnerungskultur gegen 9:30 Uhr mit dem Reisebus die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn. Auch die beiden Geschichtsleistungskurse unserer Schule waren bei der ganztägigen Schulexkursion vertreten. Anlässlich des Schülerprojekttages „Aus der Vergangenheit für die Gegenwart lernen. Der DDR-Grenzübergang Marienborn -an der Grenze durch Europa“, hatten sechs Schulen aus Niedersachsen und Sachsen-Anhalt die Möglichkeit, an dieser vor Ort teilzunehmen. Die Gedenkstätte befindet sich direkt an der Autobahn Berlin-Hannover auf dem Gelände der ehemaligen DDR-Grenzübergangsstelle (GÜSt) Marienborn, welche zu Grenzzeiten einen wichtigen Kontrollpunkt zwischen Ost und West dargestellt hat. Zwischen dem kommunistischen Herrschaftsbereich und den demokratischen Staaten des Westens. Heute ist es ein Erinnerungsort der deutschen und europäischen Zeitgeschichte, der von uns Schüler*innen besucht wurde.
Fast pünktlich um 10:00 Uhr wurde der Schüler*innenprojekttag durch Dr. Kai Langer, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt, eröffnet. Ein doppeltes Jubiläum sei zu feiern. Einmal das zehnjährige Bestehen dieser jährlich stattfindenden Veranstaltung und das 30. Jubiläum von Friedlicher Revolution und Grenzöffnung, welches unter dem Titel „Aufbruch der Zivilgesellschaft – Revolution und Grenzöffnung 1989“ vorgestellt wurde. Nach der Begrüßung der knapp 250 Schüler*innen aus Aschersleben, Bismarck, Braunschweig, Helmstedt, Oschersleben, Peine und Staßfurt, und einer kurzen Einführung in Marienborn als historischem Ort, gab es eine Podiumsdiskussion mit den drei Zeitzeug*innen Marco Tullner (Bildungsminister des Landes Sachsen-Anhalt), Gaby Willamowius (Staatssekretärin im Ministerium für Bildung Niedersachsen) und Dr. Annemarie Reffert (ehemalige Ärztin aus Gommern bei Magdeburg). So wurden gleich zu Anfang drei verschiedene Wahrnehmungen zum Tag der Grenzöffnung erläutert, wovon Frau Refferts Geschichte natürlich am spannendsten war. Denn sie berichtete, wie es ihr gelang, am Abend des 9. Novembers 1989 durch Auftreten mit großer Selbstverständlichkeit beim Passannehmerposten die GÜSt Marienborn passieren zu dürfen. Dabei habe sie immer wieder gesagt: „Man darf doch jetzt rüber, habe ich gehört. Hat Herr Schabowski gesagt. Und ich will das nur mal probieren“. Herr Günter Schabowski war zu diesem Zeitpunkt der Regierungssprecher der DDR gewesen und hatte am eben genannten Tag um 19 Uhr die neue Reiseregelung unverzüglich angekündigt. Das muss ein unbeschreibliches Gefühl gewesen sein in dieser Nacht, als die Mauer aufging.
Die Betonung von Herr Tullner und Frau Willamowius, dass die Beschäftigung mit der deutschen Teilungsgeschichte und den individuellen Erfahrungen der Zeitzeugen sehr wichtig sei, ging dabei fast unter. Also hat Dr. Susan Baumgartl (Berliner Kulturwissenschaftlerin), die Leiterin der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn, noch zehn weitere Zeitzeug*innen vorgestellt und dann die Schüler*innen in zwei große Gruppen aufgeteilt. Die eine Hälfte der Schüler*innen konnte zuerst „Geschichte erleben“ durch Zeitzeug*innengespräche am historischen Ort, während die andere Hälfte den historischen Ort mit Schüler*innenlotsen erkundete. Diese hatten sich bereits einige Tage vorher in der Gedenkstätte eingefunden und sich zu Gedenkstättenlotsen ausbilden lassen. Dazu gehörten auch drei Schüler*innen aus unserer Schule


Führung durch die Gedenkstätte
Um 11:00 Uhr begann die Führung durch die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn. In einer kleinen Schüler*innengruppe wurden wir herumgeführt und über den Grenzübergang informiert, beginnend mit dem großen Aufsichtsturm. Das war die erste von weiteren verschiedenen Stationen, aber für mich auch die interessanteste. Denn der Grenzturm hatte die Funktion, das gesamte Grenzgelände zu überwachen. Dies war möglich mit einer großen Anzahl von Flutlichtmasten, welche ungefähr so viel Strom verbraucht haben sollen, wie eine ganze Kleinstadt. Des Weiteren konnte man vom Aussichtsturm mit einem großen Steuerboard, welches mit unzähligen Knöpfen und Schaltern versehen war, sämtliche Befehle ausführen. Beispielsweise auch den dicken Rammpfahl, der Fluchtversuche mit dem Auto über die Grenze radikal zum Stillstand bringen konnte. Dazu gab es einige traurige Geschichten, denn meistens endeten die (vermeintlichen) Fluchtversuche tödlich. Natürlich hat meine Generation wenig Erfahrung mit Grenzkontrollen, da wir in einer EU ohne Grenzen aufwachsen durften, aber aus einigen Urlauben kannte ich schon schlimme Grenzkontrollen, die nervenauftreibend, teuer und vor allem zeitaufwendig waren. Generell war die Führung gut aufgebaut, da es zu jedem Gebäudekomplex auf dem Gelände informative Auskünfte gab, sodass man die eben vernommene Geschichte und die Funktion des Ortes gleich miteinander verknüpfen konnte. Fast schon hat man sich in die damalige Zeit der Grenze hineinversetzen können. Während der einstündigen Mittagspause konnten wir das Museum mit der Dauerausstellung im ehemaligen Stabsgebäude besuchen, um die Geschichte dieses Ortes im Kontext der Vier-Mächte-Besatzung nach dem Zeiten Weltkrieg, den Transitverkehr und Fluchtversuchen bis zur Deutschen Einheit, detaillierter zu verfolgen.

Gespräche mit Zeitzeug*innen
exkursion-marienbornGegen 13:30 Uhr begann der zweite Teil von „Geschichte erleben“ mit den Zeitzeug*innengesprächen am historischen Ort. Hierbei berichten uns zwei Zeitzeug*innen von ihren „Grenzerfahrungen“ in der Zeit der Friedlichen Revolution und mit dem politischen Umbruch 1989/90. Genial dabei war, dass zwei komplett verschiedene Sichtweisen beleuchtet wurden, da der eine Zeitzeuge aus der BRD kam und die andere aus der DDR – Anne Hahn. Sie hat einen sehr abenteuerlichen Fluchtversuch über die aserbaidschanische Grenze zum Iran versucht, um in den Westen zu kommen, und verbrachte die Grenzeröffnung während einer sechsmonatigen Haftstrafe im Gefängnis. Der westdeutsche Zeitzeuge ist gleichzeitig ehemaliger Leiter der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn gewesen und hat die Grenzöffnung über das Radio mitbekommen, da es keinen Fernseher in seinem damaligen Studentenheim gab. Diese persönlichen Geschichten fand ich schon sehr erschreckend. Natürlich hatte man schon davon gehört, aber es ist etwas ganz anderes, die „große“ Geschichte aus den Geschichtsbüchern von lebendigen Personen zu hören.

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