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Schülerinnen und Schüler des 12. Jahrgangs besuchten die Gedenkstätte Schillstraße in Braunschweig

2017-10-17-gedenkstaette

Bericht einer Schülerin:
Im Rahmen der SMS („School meets science“) -Woche der IGS Peine besuchte unsere Schülergruppe der 12. Klasse für zwei Tage die Braunschweiger Gedenkstätte „Schillstraße“. Dort wird an das 1944 an derselben Stelle errichtete Außenlager des KZ Neuengamme erinnert. Während unseres Besuches in der Gedenkstätte lernten wir mithilfe des Mitarbeiters Gerald Hartwig die genauen Hintergründe des sehr traurigen und berührenden Ortes kennen.

Wir begannen unsere „Zeitreise“ damit, uns mit mehreren Zeitzeugeninterviews auseinanderzusetzen und uns ihrer Geschichte bewusst zu werden. Einer der Zeitzeugen, Semi Frenkel, hat uns mit seiner Geschichte zum Lager besonders berührt. Er kam ursprünglich als polnischer Emigrant nach Braunschweig und wurde mitsamt seiner Familie nach Ausschwitz transportiert. Seine einzige Überlebenschance war, sich mit seinem Vater und seinem Bruder freiwillig als Zwangsarbeiter für die Büssing-Werke in Braunschweig zu melden. Alle drei bekamen diese kleine Überlebenschance, das Todeslager Ausschwitz zu verlassen, da einer der Büssing-Mitarbeiter seinen Vater aus Braunschweiger Zeiten wiedererkannte. Er wählte ihn und seine zwei Söhne aus, wieder mit nach Braunschweig zu kommen. Frenkel beschreibt sehr ausführlich die schrecklichen Zustände im Lager in der Schillstraße, betont aber zusätzlich, dass diese sehr viel „komfortabler“ waren, als die Zustände in Ausschwitz. Sein Lagerleben verbrachte er dort bis März 1945 unter furchtbaren hygienischen Bedingungen, in engen Baracken, mit den ganzen Tag andauernder Schwerstarbeit, wenig Nahrung und Todesängsten. Im Gegensatz zu seiner Mutter überlebte Frenkel mit sehr viel Glück den Holocaust und wanderte anschließend nach Amerika aus. Wie so viele Straßen, in denen damals jüdische Familien bis zu ihrer Deportation gewohnt hatten, erhielt auch die Straße, in der die Familie Frenkel lebte, einen Stolperstein. Diesen Stolperstein besichtigten wir, genauso wie einen besonderen Friedhof der Kinder von Zwangsarbeitern.
Die Geschichte, wie mit den schwangeren Zwangsarbeiterinnen umgegangen wurde und wie sie behandelt wurden, war eines der grausamsten Dinge, die wir neben den Zuständen in Ausschwitz und allen anderen Lagern erfahren haben. Für die werdenden Mütter wurde in Braunschweig eine Krankenbaracke eingeführt, in der unter unvorstellbaren Zuständen Kinder geboren wurden. Nach der Geburt durfte die Mutter zehn Tage lang bei ihrem Kind sein, danach blieben ihr längere Besuche verwehrt. Die Säuglinge und zum Teil Kleinkinder waren in Kartons auf sich alleine gestellt, bekamen kaum Nahrung und Pflege und erlitten einen bitteren Tod. Die Beschreibungen vom Umgang mit den Kinderleichen und den noch lebenden Kindern in der von Seuchen geprägten Baracke riefen bei uns Gänsehaut und Wut gegenüber den Verantwortlichen hervor. Außerdem lernten wir nicht nur Genaueres über die ehemaligen Zwangsarbeiter des KZ-Außenlagers kennen, sondern auch über die heutigen Vorkommnisse rund um die Gedenkstätte. Denn auch heute gibt es noch oder wieder rechtsextremistische Gruppen in Braunschweig, die dieselben Parolen vertreten, wie die Täter von damals. Herr Hartwig zeigte uns auf Fotos Aktionen, wie z. B. das Besprühen und Bekritzeln von Gedenktafeln und dem Gedenkhaus. Unsere Schülergruppe war sehr entsetzt und schockiert darüber, da wir denken, dass sich Geschichte nicht wiederholen darf und wir sie reflektieren und aus ihr lernen sollten. Jeder Mensch sollte Respekt vor einem Ort und seinen Opfern haben, der von Hass, Verbrechen und Unwürdigkeit geprägt ist, wie dieser. Natürlich hat uns Herr Hartwig nicht nur die Opfer des Verbrechens vorgestellt, sondern auch die Täter im Zeitzeugeninterview des Büssing-Werk-Chefs, der die Zwangsarbeiter in seinem Betrieb beschäftigte. Unsere Vorstellung war, dass ein Mittäter vielleicht so etwas wie Reue zeigt und um Verzeihung bittet, doch die Realität sah ganz anders aus. Denn der Mann rechtfertigte sich, behauptete, die Zwangsarbeiter gerecht und den damaligen Umständen entsprechend behandelt zu haben. Er war sich seiner Schuld nicht bewusst, wie so viele nach dem Holocaust.
In den Köpfen von uns Schülern kreisten während der zwei Tage in der Gedenkstätte oft die Fragen, wie all das gekommen sein konnte und wieso es von Seiten der Schuldigen keine Reue auch Jahre nach den Verbrechen gibt. Für uns war all das, was wir zum Thema Holocaust erfahren haben, eine große Bereicherung für unser Verständnis darüber, wie Geschichte uns geformt und verändert hat. Uns ist klar geworden, wie wir heute noch aus der Geschichte lernen können und müssen und dass wir uns gegenseitig respektieren müssen – egal, welcher Religion ein Mensch angehört, egal, welche Haarfarbe er hat oder aus welchem Land er kommt. Denn Hass ist die Basis für Verbrechen! Jeder, der in der Umgebung von Braunschweig lebt und sich für die Verbrechen in unserer Geschichte interessiert, sollte die Chance ergreifen und den Friedhof und die Gedenkstätte Schillstraße besuchen.

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